|
Demoskopischer Schwachsinn um ein “verkanntes Genie”? Hype bei (möglicher) Sarrazin-Partei - ein Kommentar
Berlin, 5. September 2010: Heute melden die Medien, dass nach Angaben einer Erhebung des Instituts EMNID eine - eigene - Partei des Politikers Thilo Sarrazin (Foto) mit gut 18 % - z. B. bei einer Bundestagswahl - rechnen könne: Hintergrund: Dass die Zahlengläubigkeit so mancher Medienvertreter schon geradezu haarstäubend ist, ist an dieser Stelle oft genug festgestellt worden. Zudem werden die Werte von Umfragen und die dazugehörigen Aussagen der jeweiligen Institutsleitungen immens überschätzt. Aber: Das interessiert die Journalisten offenbar nicht, denn man hat ja „seinen „Talking-Head“, also jemanden, der offenbar jeden Unsinn mit entsprechenden demoskopischen Werten „belegt“: So auch seit gut einer Woche in Bezug auf die Diskussionen, die der ehemalige Berliner Senator für Haushalt und Finanzen, Thilo Sarrazin, in der deutschen Öffentlichkeit verursacht. Dieser hatte in einem Buch die derzeitige Integrationspolitik in Deutschland stark kritisiert. Sarrazin unterstellte dabei den Einwanderern Integrationsunwilligkeit sowie auch mangelhafte Intelligenz. Zudem verstieg er sich in seiner Begründung dieser Aussagen darin, u. a. Angehörigen der jüdischen Religionsgemeinschaft ein „bestimmtes Gen“ nachzusagen, welches diese von anderen Menschen unterscheide. Sarkastisch könnte man sagen, Sarrazin ist wieder mal einen Schritt weitergegangen, als es jede Cartoonfigur wagen würde. Die Aussagen Sarrazins führten schließlich dazu, dass die Bundesbank, zu dessen Vorstand er seit Mai 2009 gehört, ihn entlässt und die SPD, deren Mitglied er seit ca. 36 Jahren ist, ihn ausschließen will: Aber folgendes ist von den betreffenden Medien wieder mal nicht aufgegriffen worden: Man wirft ihn ja nicht deswegen raus, weil er eben beleidigend bis geradezu arrogant gegenüber jenen oben erwähnten Personen aufgetreten ist, sondern weil „er das Ansehen Deutschlands und der Bundesbank“ Schaden zugefügt habe. Anders ausgedrückt: Was interessieren denn schon die Beleidigungen gegenüber bestimmten Bevölkerungsgruppen bei der „Wichtigkeit“ der genannten Institutionen. Zudem scheinen sich die Parteien auch vor dem Teil der Bevölkerung zu fürchten, der Sarrazin offenbar unterstützt und ebenso denkt. Manch einer sieht in ihm jenen Menschen, der „sich was zu sagen traut“. Leider jedoch hinterfragen diese Personen nicht die Stichhaltigkeit seiner Argumentation. Auch nicht, ob Sarrazin überhaupt sachlich korrekt gearbeitet hat, er selbst bezeichnet sein Buch aber als „Sachbuch“. Den Menschen, die Sarrazin offenbar für „ihren Messias“ halten, so scheint es zumindest, geht es auch eher darum, ihre Frustrationsgefühle gegenüber zugewanderten Personen Ausdruck zu verleihen und weniger um Stichhaltigkeit. Aktuell: Und nun kommt das Meinungsforschungsinstitut EMNID mit der Meldung, dass eine Partei, die von Sarrazin angeführt würde, zumindest ein theoretisches Potential von bis zu 18 % erreichen könne. Aber auch das ist bislang wenig hinterfragt worden. Vielen anderen Parteien wurden in der Vergangenheit - von Demoskopen natürlich – immer wieder derlei hohe Wählerpotentiale unterstellt und am Ende war davon wenig zu sehen. Um nur zwei Beispiele zu nennen: So wurden den sog. „Statt.Parteien“ in der ersten Hälfte der neunziger Jahre nach ihrem Erfolg in Hamburg 1993 nachgesagt, auch Mandate bei nachkommenden Landtagswahlen und bei der Bundestagswahl 1994 zu erringen. Nichts davon traf zu, bei der Landtagswahl in Niedersachsen (1994) erreichten die „Statt-Partei“ sowie die „Neue Statt-Partei“ zusammen nur 1,8 %, bei der Bundestagswahl ’94 waren es für die Statt-Partei“ 0,1 %. Nicht viel anders erging es nach 2001 der „Schill-Partei“ des Hamburger Richters Ronald Barnabas Schill. Schon bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt 2002, kam diese rechtspopulistische Partei, die in Hamburg fast 20 % erreichte, auf gerade einmal 4,5 %, bei der Bundestagswahl desselben Jahres waren es 0,8 %. Auch Schill wurde von Demoskopen erhebliche Wahlerfolge prognostiziert. Derlei Protestparteien, ob Mitte oder Rechtsaußen, machen zwar eine Menge Krach und erregen eine gewisse Zeit auch die Aufmerksamkeit der Demoskopen, dennoch sind ihre Wahlerfolge - die sie anfangs haben mögen - oder auch nur ihre „demoskopischen Erfolge“, nicht von Dauer. Zudem ziehen sie – wie das Licht die Motten – immer wieder Personen in ihren Bann, die es entweder in anderen Parteien – oft aufgrund persönlicher Defizite – nicht weit bringen oder schlicht eine neue Partei bevorzugen, um ihren Frustrationen Ausdruck zu verleihen. Also jene Personen, von denen sich Sarrazin schon oft genug an anderer Stelle lautstark distanzierte.
|